Aus „Das Farnkraut“ Nr. 1/1973

 In diesem Zeitraum fiel der Kampf um die staatliche Umwelt- bzw. Naturschutzgesetzgebung an. Präsident unseres damals gerade erst einjährigen Landesverbands Bayern war Umweltminister Dick. Auch das bay. Umweltministerium bestand damals noch nicht sehr lange. Es ging um die Professionalisierung des staatlichen Naturschutzes.

 Vorrang für Recht auf Naturgenuss und Erholung

 Bayern bekommt »Naturschutzwacht«

Präsident Dick erläutert Gesetzentwurf

 Am Gründungsort Bamberg trat der neue Landesverband Bayern e. V. der deutschen Gebirgs- und Wandervereine[1] nach einjährigem Erfolgswirken zur ersten Vertreterversammlung zusammen. Sie widmete sich mit Vorrang dem Entwurf des »Bayerischen Naturschutzgesetzes«, das demnächst verabschiedet werden soll. Das Gesetz lässt intensiver gestaltende Landschaftspflege durch hauptamtliche Fachkräfte erhoffen und sieht konsequentere Einhaltung naturschutzrechtlicher Vorschriften durch das Kontrollorgan einer »Naturschutzwacht« vor.

 Landesverbandspräsident Alfred Dick[2] erläuterte den Gesetzentwurf, den er als Staatssekretär im Ministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen mitgestaltet hat. Er betonte, daß die ständig wachsenden Belastungen, denen der Naturhaushalt durch die wirtschaftliche und technische Entwicklung ausgesetzt ist, eine Intensivierung des Natur- und Landschaftsschutzes dringend erforderlich machen. Es gelte nicht mehr nur Bestehendes zu bewahren, sondern Maßnahmen zu aktiver Pflege und Gestaltung der Landschaft zu ergreifen. Das erfordere aber auch eine entsprechend ausgebaute Behördenorganisation. Deshalb sei es unerlässlich, die Dienststellen der Regierungsbezirke und der Landkreise mit fachlich ausreichend vorgebildeten Kräften auszustatten, die künftig hauptamtlich die Interessen des Naturschutzes und der Landschaftspflege wahrnehmen[3].

 Zur Verwirklichung landschaftspflegerischer Ziele - dabei geht es um Schutz und Erhaltung des gesamten ökonomischen[4] Gefüges - gehören weitgehende Rekultivierungsmaßnahmen ebenso wie klare Regelung jeglicher Abfallbeseitigung einschließlich konsequentem Verbot der Abfallverbrennung auf Feldern, in Wäldern und an Hecken (auch Bahndämmen].

 Staats- und Gebietskörperschaften erhalten nach dem neuen Gesetz Vorkaufsrecht bei Veräußerungen von Grundstücken, die sich für »Ausübung des Rechts auf Naturgenuss und Erholung« besonders eignen.

Das Erholungsvorrecht muß in der freien Natur auch eine Vorrangstellung der Wanderwege gegenüber privaten Interessen zur Folge haben und klare Abgrenzungen auch gegenüber Radfahr- und Reitwegen bewirken[5].

Die Einhaltung aller naturschutzrechtlichen Vorschriften bedarf insbesondere an Wochenenden gründlicherer Kontrollen als bisher. Deshalb sieht das Gesetz vor, eine »Naturschutzwacht« aus Hilfskräften zu schaffen, die Polizei und Naturschutzbehörden unterstützt.

Um den Belangen des Naturschutzes und der Landschaftspflege im Allgemeininteresse umfassend gerecht zu werden, wird es der aktiven Mithilfe privater Organisationen und hier vor allem der auf diesem Gebiet schon bewährten Wandervereine auch künftig bedürfen. Diese ehrenamtliche Tätigkeit kann erfolgwirksam nur sein, wenn ihr der Staat stärkere finanzielle Unterstützung nicht versagt. Das betonte Präsident Dick unter Hinweis auf die enormen Leistungen, die unsere Wandervereine insbesondere durch ihr Wanderwegenetz, durch Wanderheime, Schutzhütten und Aussichtstürme erbracht haben; durch Leistungen also, die der gesamten Bevölkerung zugutekommen und ihr zu erholsamen Aufenthalten in der freien Natur verhelfen. Selbstverständlich gebührt dem vorbildlichen Wirken unserer Vereine erst recht jegliche ideelle und materielle Unterstützung seitens der Bevölkerung.

 Wie hoch die materiellen Aufwendungen (1972 ca. 1 Million DM) sind, die unsere bayerischen Vereine im ehrenamtlichen Dienst an der Allgemeinheit erbringen, das gab der Rechenschaftsbericht des Vizepräsidenten Georg Keimel zu erkennen, nach dem den 14 Vereinen des bayerischen Landesverbandes 67.500 Mitglieder in 424 Ortsgruppen und 154 Jugendgruppen angehören. Sie betreuen ein Wanderwegenetz von über 28000 Kilometern. Mit dem neuen durchgehenden Main-Wanderweg von der Quelle bis zur Mündung (542 km) haben sie eine besondere Gemeinschaftsleistung vollbracht, die sich im vergangenen Jahr schon stärkster Zugkraft erfreute.

 Dem zunächst provisorischen „M“-Weg-Prospekt[6] wird eine nunmehr von der Vertreterversammlung beschlossene Wanderkarte mit ausführlicher Gebietsbeschreibung und Informationen über Einkehr- und Übernachtungsmöglichkeiten folgen. Für Anschluss-Wanderwege in Richtung Donau werden Vorschläge erarbeitet. Die Betätigung im Aktionsbereich »Umweltschutz« soll intensiviert werden. Zu diesem Zweck empfehlen sich vor allem Naturschutzlehrgänge auf breiterer (auch örtlicher) Basis.

 W. U. (= Werner Ungelenk, Gründer und langjähriger Schriftleiter unserer Zeitschrift „Das Farnkraut“.


[1][1] Inzwischen kurz „Deutscher Wanderverband, Landesverband Bayern“

[2] Alfred Dick, 1927 – 2005, Landtagsabgeordneter von 1962 – 1994, ab 1970 Regierungsmitglied, davon ab 1977 bis 1990 Umweltminister, zuvor Staatssekretär im gleichen Ressort. Umstritten war und blieb seine Haltung zum Ausbau des Rhein-Main-Donau-Kanals und zu den Folgen des Atomumfalls in Tschernobyl (WIKIPEDIA, downl. 03/12).

[3] Zuvor ehrenamtlich u. a. im Coburger Bereich durch Mitglieder des ThWV Coburg

[4] Druckfehler? …ökologischen Gefüges?

[5] Dies ist ein altes Streitthema. In den 80er Jahren hier in unserem engeren Bereich insbesondere die Frage „Reiter auf Wanderwegen“ – heute erleben wir, dass in (professionellen?) Websites für Montainbiker unsere Wanderwege als Montainbikepisten angeboten werden.

[6] Mainwanderweg. Heute sind manche Organisationen übrigens recht großzügig mit aufwändig gedruckten Wanderführern