Aus „Das Farnkraut“ Nr. 2/1965

Signatur „H.F.“

 

Nahezu in jedem Jahr wurde am „Tag des Baumes“ vom Thüringerwald-Verein irgendetwas unternommen, sei es eine Baumpflanzung, ein Vortrag, eine sachkundige Führung in einem der umgebenden Wälder, sei es wie in folgendem ein Artikel im „Farnkraut“. Im abgelaufenen Jahr 2011 hatten wir einen sehr aufschlussreichen Vortrag anlässlich des „Internationalen Tag der Wälder“ von Förster Wolfgang Weiß gehört. Jahr der Wälder

  

Wo Wald schwindet, droht uns Wüste

„Tag des Baumes" - eine Mahnung

 Die Natur ist der unversiegbare Quell unseres Daseins. In ihr verkörpert der Baum das Sinnbild des Lebens. Der Wald und in seinem Schütze Wasser und Wiese mit dem unendlichen Artenreichtum der Pflanzen sind die Spender all unseres Lebensbedarfes. Das gebietet uns Menschen, mit vorausschauender Planung, Tatkraft, Idealismus und Geduld nicht nur Schäden in der Landschaft zu beheben, sondern durch Begrünung noch kahlen Geländes und durch systematisches Anpflanzen waldbildenden Gehölzes den Substanzwert unserer Heimatlandschaft zum Segen unserer Lebensgemeinschaft zu mehren. Darauf hinweisen, dass sich selbst also hilft, wer dem Wald hilft, soll der „Tag des Baumes". Der Thüringerwald-Verein wird seine Unternehmungen am zweiten Aprilsonntag sowie am 2. Mai unter den zu Schutz und Mehrung unseres Waldbestandes ermahnenden Leitgedanken dieses Tages stellen.

 Die Bedeutung unseres Waldes

 Noch liegt Deutschland mit nahezu 30 Prozent waldbedeckter Fläche zwischen Finnland mit 65 und England mit nur 5 Prozent verhältnismäßig günstig. Wir wissen jedoch, wie rapide sich der Waldbestand seit Jahrzehnten vermindert, nachdem bereits die beiden Weltkriege erhebliche Wunden geschlagen haben.

 Die Deutschen sind stark waldverbunden, wir Wanderer ganz besonders. Für alle ist aber der Wald nicht nur Erholungsstätte, sondern auch wichtiger Holzlieferant und Wasserspeicher, ja, er bestimmt weitgehend unser gesamtes Klima und bewahrt das Land vor Versteppung.

 Der Wald als Holzlieferant

 Holz ist ein vielseitig verwendbarer Rohstoff, der seit Jahrtausenden schon wegen seines geringen Gewichtes, seiner großen Tragfähigkeit und seiner Elastizität zum Hausbau bevorzugt wird. Trotz moderner Werkstoffe bleibt der Bauholzbedarf enorm hoch. Millionen Festmeter wandern jährlich in die Gruben. Minderwertiges Holz und Abfälle dienen zu etwa 25 Prozent des Gesamtanfalles als Brennholz. Ständig im Steigen ist der Holzbedarf der verschiedenen Industriezweige. Eine größere Papierfabrik verarbeitet täglich 30 bis 40 Morgen Wald. Kaum weniger verschlingt die Produktion von Kunstseide, Watte, Stoffen, Zellophan, Filmen, Fetten, Essig, Hefe, Zucker und vielen anderen Dingen.

 Der Wald — unser größtes Wasserreservoir

 Täglich berichten Gemeinden von Wassersorgen; Brunnen und Quellen versiegen, der Grundwasserspiegel sinkt weiter, Wasser wird über Hunderte von Kilometern an die Verbrauchszentren befördert, unter riesigen Kosten werden Talsperren zur Wasserversorgung errichtet. Gern werden diese Notstände mit dem Anwachsen der Bevölkerungszahl und dem erhöhten Bedarf der Industrie begründet. Selten nur wird darauf hingewiesen, daß wir mit unserer überspitzten Zivilisation das Gleichgewicht der Natur erheblich stören — wenn nicht gar zerstören. Anscheinend ist nur wenig bekannt, daß unsere Wasserversorgung weitgehend mit dem Wald zusammenhängt, der wie ein großer Schwamm die Niederschläge aufsaugt. Er verhindert das schnelle Abfließen des Wassers. Nur langsam gibt er einen Teil an Bäche und Flüsse ab, ein weiterer Teil geht in das Grundwasser über, der Rest verdunstet und führt über die Bildung von Regenwolken zu Niederschlägen.

 Denken wir daran: Wo der Wald schwindet, droht die Wüste! Ein Hektar Buchenwald verdunstet täglich fast 40 000 Liter Wasser. Die Stadt Frankfurt pumpt heute riesige Mengen Mainwasser in ihren Stadtwald, lässt es dort versickern und gewinnt so mehrere 100 000 cbm besten Trinkwassers. Hier wird der Wald als zusätzlicher Wasserlieferant wieder rentabel.  (Anmerkung: dieser Artikel erschien, wie schon oben erwähnt, 1965! Ob dies heute noch praktiziert wird, ist eine andere Sache!)

 Wir müssen unseren Waldbestand nicht nur halten, sondern vergrößern, nachdem durch Flussbegradigungen und durch Dränage in den Quellgebieten alles getan wird, den Wasserablauf zu beschleunigen. Wir sollten uns deshalb auch nicht wundern, wenn nach einigen Sonnentagen der Boden bereits völlig ausgedorrt ist und nach wenigen Regentagen Überschwemmungen an den Unterläufen der Flüsse zu einer Gefahr werden.

 Land ohne Wald versteppt

 Der Wald hält nicht nur die Bodenfeuchtigkeit, er verhindert auch das so schnelle Austrocknen der benachbarten Äcker. Jeder weiß, daß im Freien aufgehängte Wäsche bei windigem Wetter schneller trocknet. Der Wald aber bricht die Kraft des Windes und leitet sie nach oben ab. In waldarmen Gebieten müssen in bestimmten Abständen gepflanzte Hecken und Waldstreifen diese Aufgabe übernehmen. Findet der Wind keinen Widerstand, so trocknet er nicht nur den Boden aus, sondern verweht auch noch den wertvollen Mutterboden. Bei stärkeren Regenfällen verhindert der Wald weiterhin das Abschwemmen. Denken wir an die Länder um das Mittelmeer, deren Wald vor Jahrhunderten für den Schiffsbau abgeholzt wurde — zum Schaden für Generationen. Der Regen hatte es dort leicht — besonders im Gebirge — den Mutterboden wegzuspülen, weil kein Baum den Abfluss des Wassers hinderte. Ähnliches ließe sich von den Steppen Amerikas und Russlands sagen. Hoffentlich nutzt man diese Erfahrungen und bitteren Erkenntnisse in Deutschland, ehe es zu spät ist!

 Der Wald — unser schönstes Wandergebiet

 Unsere Wanderwege führen nicht etwa bevorzugt durch den Wald, weil die Bäume gute Möglichkeiten bieten, Wegezeichen anzubringen. Aus Erfahrung wissen wir, daß wir nach Waldwanderungen besonders erholt heimkehren. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Die Blätter der Bäume und Büsche wirken wie Luftreinigungsfilter. Die Luft ist im Wald erheblich sauberer und bakterienärmer als auf Feldwegen oder gar in der Stadt. Außerdem ist sie durch die Assimilation der vielen Pflanzen wesentlich sauerstoffreicher. An heißen Tagen spenden die Bäume Schatten auf allen Waldwegen und es ist unter dem Kronendach kühler als an jedem anderen Ort. Im Winter ist es dagegen im Wald wärmer als auf dem freien Feld, weil die kalten scharfen Winde in ihrer Kraft gebrochen werden. Außerdem darf der Wald auch neben den Wegen betreten werden. Geht es sich da nicht wie auf einem kostbaren Teppich? Und wo bieten sich so vielseitige Möglichkeiten für Wanderpausen in Licht und Schatten? Wie köstlich auch schmecken zum Brot frisch gepflückte Beeren, welch herrlichen Anblick bieten unsere Wälder zu jeder Jahreszeit, sei es das frische Grün im Frühjahr, sei es das bunte Laub im Herbst! Und ist der Winterwald im Schneebehang nicht ein Märchenwald? Der schweigsame Wanderer kann das Wild und die Vogelwelt beobachten, aber auch der Waldboden wimmelt von allerlei interessantem Getier. Der Pilzkenner sucht sich mit fachmännischem Blick das Pilzgericht für den nächsten Tag.

Die Bedeutung des Waldes für die Volksgesundheit wird von niemandem bestritten. Trotzdem reißen Industriebauten, Strom- und Wasserleitungen, Umgehungsstraßen usw. immer neue Lücken in dieses natürliche Sanatorium. Es ist hoch an der Zeit, daß dem die Einsicht verantwortlicher Stellen um unser selbst und späterer Generationen willen Einhalt gebietet, denn:

 Ohne Wald kein Wasser,

ohne Wasser kein Leben!             

H. F.