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Die verschlungenen Pfade der Dynastien Thüringens

Während der Kulturfahrt am 28. Juni unter der fachlichen Leitung von Herrn Dr. Bachmann wurden wir immer wieder auf die wechselnden einstigen Herrschaftsverhältnisse hingewiesen. In der Tat ist die Entschlüsselung der Zugehörigkeiten von Städten und Ortschaften in Thüringen zu den ehemaligen Landesherren eine wahre Geheimwissenschaft.  Der schöne Bildband „Thüringer Residenzen“ von Hans-Joachim Kessler (Leipzig 2001) nennt dreißig ehemalige Residenzstädte in Thüringen, und zwar ohne das ehemals  hennebergische Herrschaftsgebiet, das doch immerhin beachtliche Bauwerke beispielsweise in Schleusingen hinterlassen hat.

Es sei im Folgenden versucht, diese kurz anzuzeigen. Dabei müssen wir uns  allerdings auf die Epoche vom Jahre 1826 (Neugliederung  der ernestinischen Staaten) bis 1918 einschränken.

In dieser Zeit bestanden:

„Ernestinische Staaten“

Großherzogtum Sachsen – Weimar – Eisenach

Die Herzogtümer

Sachsen Altenburg, Sachsen – Coburg und Gotha und Sachsen – Meinigen

Die Fürstentümer der Schwarzburger

Schwarzburg – Rudolstadt und Schwarzburg – Sondershausen

und endlich die „reußischen“ Fürstentümer

Reuß – jüngere Linie (Gera) und Reuß – ältere Linie (Greiz).

Diese Verhältnisse waren nicht immer nur  Stoff für Regionalhistoriker, sondern schulischer Alltags-Ernst. Mir liegt ein Nachdruck der allerersten Ausgabe des legendären Schulatlas von „Diercke“ vor. Er erschien 1875; die genannten Herrschaftsverhältnisse sollten zu diesem Zeitpunkt noch nahezu 40 Jahre währen. Natürlich sind diese Kleinstaaten in den politischen Karten aufgeführt, es war ja aktueller Sachstand.

Die geringe Fläche all dieser  Staatsgebilde war nun nicht etwa zusammenhängend und kompakt angelegt. Sie war vielmehr in jeweils mehrere, räumlich nicht zusammenhängende Gebiete unterteilt, bis hin zu winzigen En- bzw. Exclaven; davon lagen einige im benachbarten Bayern (Königsberg, Ostheim v. d. Rhön; selbst Königsberg war kein geschlossenes Gebiet, es gehörten noch zwei weitere, winzige Gebietsteile dazu. .

 An ähnlich kleinen Staatsgebilden wie in Thüringen gab es szt. noch Lippe-Detmold und Schaumburg-Lippe sowie Waldeck-Pyrmont. Insgesamt gab es, wenn ich richtig gezählt habe, zu dieser Zeit im Kaiserreich 26 Staatsgebilde. Diese Staaten hatten ein stärkeres Maß an Eigenständigkeit als die heutigen Länder in der föderalen  Bundesrepublik Deutschland.

Dies war ein Überbleibsel der Verhältnisse im alten deutschen Reich, das nach 1648 in etwa 300 meist kleine Einzelstaaten zerfallen war. Man muss aber die Ursachen für den Partikularismus historisch früher ansetzen, in diesem Zusammenhang wird das Jahr 1231 genannt, in welchem Kaiser Friedrich II. die Rechte der Territorialfürsten gegenüber einer Zentralgewalt stärkte.

    Bereits im 19. Jhdt. setzte heftige Kritik an diesen Zuständen ein. Es regte sich der Wille sowohl zu mehr bürgerlichen Freiheiten für die Bevölkerung, die “Untertanen” als auch zur staatlichen Einheit Deutschlands. Unverhohlener Spott  an kleinstaatlichen Verhältnissen etwa in den „Fliegenden Blättern“, wenn man so will, Deutschlands erstem Satire-Magazin. Die Zeitschrift, in welcher u. a. ein Wilhelm Busch mit arbeitete, erschien ab 1844. Der sog. Partikularismus war des öfteren Zielscheibe gerade  für Wilhelm Busch, so in der 1873 erschienen Bildergeschichte “Der Geburtstag”. Historischer Hintergrund: die Annexion des Königreichs Hannover durch das immer größer werdende Preußen. Die Anhänger der “aLten Ordnung” wollen dem gestürzten König ein Geschenk zum Geburtstag machen, scheitern aber letztlich, weil sich jeder dabei selbst bereichern will. Wilhelm Busch lässt also kein gutes Haar an den Anhängern der Kleinstaaterei, seine Sympathie gehört ganz Preußen, das übrigens, um endlich wieder zurückzufinden, auch weite Teile Thüringens einschliesslich der jetzigen Landeshauptstadt unter seine Hoheit gebracht hatte.

    In dem 1898 erstmals aufgeführten Rührstück “Alt-Heidelberg” von Wilhelm Meyer-Förster tritt ein Erbprinz des  Herzogtums Sachsen-Karlsburg auf. Dieser Name ist zwar fiktiv, aber man kann sich schon denken, wo dieses Herzogtum so ungefähr liegen soll.

    Weniger zurückhaltend waren die Autoren eines anderen Erfolgs - Bühnenstückes. Im Jahre 1899 wurde die “posthume” Johann-Strauß-Operette “Wiener Blut” uraufgeführt. Unter den Hauptrollen: “Premierminister” und Gesandter des Fürstentums Reuß-Schleiz-Greiz zu Zeiten des “Wiener Kongresses”, also 1815. Greiz und Schleiz waren in der Tat immer reußisch, ob jemals zusammen in einer der zahlreichen Linien, ist heute schwer festzustellen. Im Jahre  1899 jedenfalls waren sie es nicht (mehr?), denn Schleiz war “jüngere Linie” und Greiz “ältere”. Die Autoren des Librettos, Victor Léon und Leo Stein, legten offensichtlich auf derlei Feinheiten kein Augenmerk. Ihnen kam es wohl darauf an, ihr Publikum  zum Lachen zu bringen. Obwohl eigentlich ein Thüringer, sächselt der Fürst hemmungslos, nicht nur in der Aufführung in Heldritt 2009. Jedes “ei verbibsch”  ein Lacher, ähnlich wie die Unterhose im Schwank. Auch sonst sind die Rollen danach,  ein tölpelhaft agierender fürstlicher  Premierminister , ein spießiger gräflicher Gesandter , der erst durch den Aufenthalt in der Weltstadt zum Mann von Welt reifen darf und von seiner Gattin von echtem “Wiener Blut” aktzeptiert wird. Das Libretto hat aber durchaus literarische Qualitäten, es könnte streckenweise auch von Nestroy oder Raimund sein.

    Eine überwiegend kritische Haltung zu der Kleinstaaterei fanden erwartungsgemäß auch die DDR-Sozialisten; hierzu etwa im “tourist”-Reiseführer “Thüringer Wald” der Abschnitt “Geschichte” und das Stichwort “Rudolstadt”. Nach der “reinen Lehre” wäre die volle Entfaltung der kapitalistischen Ordnung Voraussetzung für den Übergang zur klassenlosen Gesellschaft. Die Kleinstaaterei als Überrest der feudalistischen Ordnung behindert aber die Entwicklung des KapitalismusDie Leistungen der Kleinstaaten auf kulturellem Gebiet wurden aber auch hier erkannt und anerkannt.

    Wo sonst gibt es auf begrenztem Raum so viele Theater, Museen und Baudenkmäler?

    Mit dem Ende der monarchischen Herrschaftsformen in Deutschland endeten auch die kleinstaatlichen Verhältnisse in Thüringen.

    Unten: Spott-Karikatur auf kleinstaatliche Verhältnisse aus “Fliegende Blätter”, München 1851
     

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