Immerhin 28, so stattlich war die Zahl der Wanderer, die sich am 27. April eingefunden hatten. Der vorzeitige  Frühsommer der nachösterlichen Woche war durch ein Unwetter am Samstag jäh abgebrochen und es drohten auch für den Sonntag gewittrige Regenschauer. Allerdings trat dies, wo wir uns aufhielten, nicht ein. Mit 2 Kleinbussen ging die Anfahrt zunächst nach Breitenbach, einem Ortsteil von Schleusingen.  In Breitenbach entstiegen wir den Bussen. Zunächst begrüßte Wfr. Frank Reißenweber die Teilnehmer der Wanderung. Er verwies noch auf die Vogelstimmenwanderung am kommenden Sonntag.

Nach wenigen hundert Metern war der Weiler „Sensenhammer“ erreicht. Dieser Name erinnerte daran, dass hier einst Eisen verarbeitet worden ist. Eisenerz wurde im Bereich des Vessertales  dieser Gegend erschürft und als Energiequelle diente der Bach (Hinweis „Reisehandbuch Thüringer Wald“, Leipzig 1989. 

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Der weitere Wanderweg verlief nun im Waldsaum über dem Lauf der Vesser. Der Fluss selbst ist von einem Wiesengrund gleichsam eingerahmt. Wir näherten uns den Kernbereichen des Biosphärenreservates. Immer wieder hielt Frank Reißenweber an, um auf Besonderheiten insbesondere der Fauna hinzuweisen. Es fielen insbesondere die Totholz-Stämme auf, reich mit Baumschwämmen besetzt und von Höhlungen durchzogen. Seltenere und wertvolle Baumarten wie die Weißtanne können hier gedeihen. Aber noch sind die Folgen des bevorzugten Anbaus der Fichte vor hundert Jahren nicht überwunden. Aber auch Blumen und  Kräuter, die so nicht überall vorkommen, erweckten die Aufmerksamkeit. Ein Höhepunkt war ein Feuersalamander, und zwar ein stattliches Exemplar. Das Wetter war bedeckt und dunstig, es blieb aber trocken.

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Der Wfr. erläuterte an geeigneter Stelle, was unter einem Biosphärenreservat zu verstehen ist. Mit diesem Status wird nicht allein  die Natur in einem bestimmten Gebiet geschützt. Darüber hinaus ist es das Ziel, nachhaltige Entwicklung in ökologischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht exemplarisch zu verwirklichen, und zwar nach Kriterien, die von der UNESCO entwickelt worden sind.   Eine nachhaltige und naturverträgliche Nutzung ist das ausdrückliche Ziel der internationalen Richtlinien und Standards. Das Gebiet soll typisch für eine bestimmte Landschaftsform sein – hier in diesem Fall das Mittelgebirge.

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Es gibt hier unterschiedliche Zonen.

Der höchste Schutz liegt über  der allerdings relativ kleinen Kernzone. Hier sind Eingriffe durch Bewirtschaftung oder sonstige Nutzung ausgeschlossen. Insoweit gleicht der Schutz der Natur dem in einem Nationalpark. Wie in einem Nationalpark müssen sich die Besucher an die ausgewiesenen Wege halten.

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In der Pflegezone hingegen sind extensive und naturnahe Land- und  Forstwirtschaft zugelassen, auch schonender Tourismus. Es geht hier um Flächen, deren ökologischer Wert erst durch eine wirtschaftliche Nutzung durch die Menschen  entstanden sind, Weideflächen oder forstliche Flächen z.B. und die für nachhaltige und schonende Nutzung zu erhalten sind.

Die flächenmäßig große Entwicklungszone umfasst im Falle Vessertal auch dort vorhandenen Stauseen, die  Verkehrswege und den Siedlungsraum. Es soll hier modellhaft die nachhaltige Nutzung  der Ressourcen gefördert werden. Es sollen aber insgesamt die Kriterien eines Landschaftsschutzgebietes erfüllt werden.

Das Biosphären-Reservat ist noch zu DDR-Zeiten eingerichtet worden und verhalf diesem Staat auch zu internationaler Anerkennung. Das Vessertal war das erste und bis in die 90er Jahre einzige Biosphärenreservat auf deutschem Boden, wurde aber nach der „Wende“ und der Wiedervereinigung erweitert. In Bayern sind nach der „Wende“ Biosphärenreservate auch in der Rhön entstanden (länderübergreifend) sowie im Berchtesgadener Land.

Das Klima ist deutlich kühler als etwa im Coburger Land. Deutlich wird dies an den Blühpflanzen; Schlüsselblumen oder Anemonen stehen in dieser Höhenlage noch in frischer Blüte. Auf etwa der halben Strecke war das Wiesental entschwunden und der Bachlauf führte unmittelbar im Wald. Am Waldrand kamen wir an einer Natur-Sprungschanze vorbei.

Nach etwa 8 km Wegesstrecke war der Ort Vesser erreicht. Mehrere Wild- und Zuchtentenfamilien erfreuten die Wanderer. Die Namen „Vesser“ und „Vessra“ gleichen einander nicht zufällig. Erstaunlicherweise wird der Orsname „Vesser“ bereits um 900 erwähnt, doch schon der „VEB-Tourist“-Gebietsführer verweist darauf, dass unklar sei, ob Vessra, wo später ein Kloster gegründet wurde  oder wirklich der heute so genannte Ort Vesser gemeint sei. Noch 1406 habe der Ort lediglich aus einem Hammerwerk bestanden. Bemerkenswert in Vesser ist die Dorfkirche, ein rechteckiger Fachwerkbau um 1710. Nun ging es sehr steil bergan, bis das Ziel „Stutenhaus“ erreicht war.

Der erwähnte „VEB Tourist“-Wanderführer nennt als Unterkunft für Vesser nur Privatquartiere, das „Stutenhaus“ aber sei  Betriebsferienheim.

An einer Hinweistafel an dem Fahrweg zum Stutenhaus bemerkten wir: kurz vor dem „Stutenhaus“ verläuft  die Grenze zwischen den Landkreisen Suhl (Vesser ist heute ein Stadtteil von Suhl) und Hildburghausen. Auf 750 m Höhe liegt der Berggasthof „Stutenhaus“. Hier in diesem altertümlich wirkenden, traditionsreichen Haus nahmen wir das Mittagsessen ein. Der Bau geht bis auf das Jahr 1664 zurück, damals aber noch als Gestütsbau.  Ein Gaststättenbetrieb ist, wie die homepage des Stutenhauses ausweist, immerhin auch schon seit 1842 nachgewiesen.

Einige machten sich nach dem Mittagessen auf den Weg zum 848 m hohen „Adlersberg“. Die zurückgebliebenen sahen sich in der Umgebung des Stutenhauses um. Auf einer riesigen Weide tummelten sich Pferde. Auf mittlere Distanz konnten wir über das Vessertal schauen. Sehr interessant die unterschiedlichen Tönungen des Grüns der Baumarten, wobei das Laubholz überwiegt. Von ferne erblickten wir Frauenwald a. R. mit dem sogenannten Sprungschanzenhaus, ein ehemaliges Militär-Ferienheim.  Ganz in der Nähe liegt eine Grabstätte für zwei deutsche Soldaten, die noch wenige Tage vor Kriegsende als Deserteure erschossen worden sind. An die Wirtin, die versucht hatte, diese zu retten, erinnerte eine Gedenktafel.

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Nachdem die „Gipfelstürmer“ zurückgekehrt waren, fuhren wir nach Coburg zurück. An den Straßen beispielsweise in Schmiedefeld bemerkten wir, dass es dort geregnet haben musste. Und auf Regen haben wir alle in diesem extrem trockenen Frühjahr lange genug gewartet, wenn auch nicht unbedingt während unserer Wanderung.

 

Unser Dank gilt den Organisatoren dieses Wandertages, Wfr. Wilhelm Bauer und Frank Reißenweber.