Aus „Frau Aventiure“

Von Victor von Scheffel

Dieses Werk des Autors, ein Gedichtzyklus,  ist nicht gerade ganz einfach zu verstehen . Zunächst einmal die „Wartburglieder“, hier  werden  verschiedene Gestalten des Sagenkreises um die Wartburg besungen.  Dann geht es offenbar über den „Rennstieg“ zum  „Vogt von Tenneberg“. Vieles ist hier fiktiv, aber das Schloss  Tenneberg  gibt es wirklich. Es liegt nahe Waltershausen, geht tatsächlich auf die Landgrafen von Thüringen zurück.

Dann folgt „Der Mönch von Banth“ – hieraus:

 Waldpsalm.

ir klôsterlûte, vrouwet ûch:
ir sit vil maneger muowe entgân
die werltliche lûte hân!

Ebernand von Erfurt.

 Auf, zu psallieren in frohem Choral;
Pörtner, erschließe des Klosters Portal!
Frühling ist kommen voll sprossender Lust,
Schmücket, ihr Brüder, mit Veilchen die Brust,
Wandelt lobsingend zum Buchwald hinaus,
Denn auch der Wald ist der Gottheit ein Haus.

Sehet die Halle, wie stolz sie sich hebt,
Stolz zu der Bläue des Himmels aufstrebt;
Riesige Buchen, mit Tannen gepaart,
Stehen als Säulen der edelsten Art,
Und als ein Kuppeldach, luftig und weit,
Wölbt sich der Wipfel laubgrünendes Kleid.

Wandelt zur Lichtung der Höhe empor!
Das ist der Waldesbasilika Chor:
Felsen, zu Steintisch und Bänken geschlichtet,
Stehen dort kunstreich im Fünfeck errichtet,
Heil dir, o Platz, der Erholung geweiht,
Buchenumfriedete Einsamkeit!

Teilet die Reihen und haltet jetzt an!
Abt mit dem Prior, er schreite voran,
Hoch in der Mitte, am längeren Stein,
Muß ihr geziemender Ehrensitz sein;
An den vier Seiten, in Gruppen getrennt,
Tafelt der fröhliche Waldeskonvent.

Stimmet die Lauten und Zimbeln nun rein,
Vögel im Laubversteck, fallet mit ein,
Schalle ernstkräftig, du Waldespsalm, auf,
Wirble mit Weihrauch zum Himmel hinauf:
Ehre und Preis sei dem Bauherrn der Welt,
Der sich als Tempel den Wald hat bestellt!

Anmerkung:

Riesige Buchen, die gibt es im Banzer Wald durchaus, aber die Felsen würde ich dort nicht unbedingt suchen. Bekanntlich sind die Angaben des Autors, was die Geographie usw. betrifft, nicht unbedingt sehr zuverlässig. Man denke nur an den berühmten „Heiligen Veit von Staffelstein“, den es zumindest auf dem Staffelberg bekanntlich nicht gibt, sondern auf dem benachbarten Ansberg. Auch würde ich den Obermain bei Staffelstein nicht als „Strom“ bezeichnen.  Diese Angaben sind eher lyrisch als exakt. Dieser Waldpsalm wurde durch Max Bruch (1838 - 1920) vertont.