Aus „Das Farnkraut“ Nr. 2/1971

 Die Anlage von Wanderwegen war in diesem Zeitraum noch voll und ganz den ehrenamtlichen Vereinen überlassen. Neben den im Verband der deutschen Gebirgs- und Wandervereinen organisierten handelte es sich im wesentlichen noch um Naturfreunde, gelegentlich Alpenverein u.a. In Einzelfällen wurden in den Folgejahren auch örtliche Fremdenverkehrsorganisatoren aktiv, die meist ein spinnwebenartiges Netz um den eigenen Ort anlegte („Hirsch, Eichhörnchen, Hasenweg” u. ä.). Richtig professionell wurde dies erst wesentlich später.  Ebenso sind organisierte Wanderungen mehr und mehr zum Geschäftsfeld gewerblicher Anbieter geworden.

 Main-, Franken- und Donau-Wege

 Neue Betreuungsaufgaben auch für Thüringerwald- und Rennsteigverein

 Mehr und bewusster denn je nimmt die Öffentlichkeit heuer zur Kenntnis, was unsere bayerischen Wandervereine und deren 65.000 Mitglieder (in rund 400 Orts- und Jugendgruppen) für die Allgemeinheit leisten. Das hat nicht zuletzt die Konstituierung eines Beirats bewirkt, dem die Arbeitsgemeinschaft Bayern im Verband Deutscher Gebirgs-und Wandervereine die Aufgabe gestellt hat, die Interessengemeinschaft mit allen Behörden und Organisationen zu aktivieren, die mit Wandern, Natur- und Landschaftsschutz, Heimat-, Kultur- und Jugendpflege, Erholung und Umweltschutz, Autofahren und Fremdenverkehr zu tun haben. Im gegenseitigen Austausch von Erfahrungen wurden bereits wertvolle Anregungen gewonnen.

 An der konstituierenden Beiratssitzung im Münchner Maximilianeum nahmen der neue Staatsminister für Landesplanung und Umweltfragen, Max Streibl, und die Landtagsabgeordnete Marliese Schleicher (Aschaffenburg) teil. Diese Tagung fand ihren Niederschlag in Eingaben und Entschließungen zum Schutz von Naherholungsgebieten, zugunsten eines staatlich geförderten Reform- und Sanierungsprogramms zwecks Neuanlage, Erhaltung und Ausbau von Berghäusern, Wanderheimen, Aussichtstürmen und Erholungsanlagen sowie hinsichtlich eines berechtigten Anspruchs auf beratende und mitbestimmende Funktion in den Landes- und Be-zirksplanungsbeiräten. Die einmütig gefassten Resolutionen haben umso mehr Gewicht, als sich der Initiative unserer Wandervereine angeschlossen haben: „Naturfreunde" und Alpenverein, Forstbehörden und Waldschutz-Organisationen, Naturschutzbund und Naturparkverband, die Institutionen für Landschafts- und Heimatpflege, Campingclub, ADAC, Fremdenverkehrsverband, Frankenbund, Bundesbahn, Landesjugendring, Jugendherbergsverband und Planungsbeirat. Minister Streibl sicherte weitgehende Unterstützung der Staatsregierung zu, ohne jedoch für eine „Verbeamtlichung" des Heimat-, Natur- und Umweltschutzes zu plädieren. Er begrüßte die Beirats-initiative unserer Wandervereine mit der Feststellung: „Wir sind auf Ihre Mitarbeit angewiesen und werden Ihrem unentbehrlichen Idealismus staatliche Hilfe nicht versagen." Im Landtag sind unsere Interessen durch MdL Marliese Schleicher zweifellos gut vertreten. Sie identifiziert sich seit Jahren insbesondere mit unseren heimatpflegerischen Anliegen.

 Die praktische Arbeit im neuen Wanderjahr haben die 14 bayerischen Wandervereine mit einem Wegemeister-Lehrgang im Erlanger Jugendzentrum eingeleitet. Der Thüringerwald-Verein war hier durch Wegemeister Otto Treuter, der Rennsteigverein durch Hauptwanderwart Georg Gunzelmann vertreten. Die Anwesenheit von Oberregierungsrat Wolfgang Kessler machte deutlich, wie wichtig es dem Ministerium für Umweltfragen erscheint, über alle Vorhaben und erst recht über die Sorgen unserer Wandervereine informiert zu sein; wie hoch der Minister unseren Ehrendienst für die Volksgesundheit einschätzt; wie stark der Staat ohne den Beitrag unserer Idealisten belastet wäre; wie ernst demzufolge seine Bemühungen um entlastende Förderungsmaßnahmen zu werten sind.

Das Erlanger Arbeitsgespräch stand unter dem Tenor: Die Wegemarkierung ist und bleibt das Aushängeschild aller Wandervereine; sie weist ihre Daseinsberechtigung und ihre Zuverlässigkeit aus! Die Teilnehmer beschränkten sich nicht darauf, Erfahrungen über die Unterhaltung vorhandener bzw. die Erschließung und Markierung neuer Ziel- und Rundwanderwege und Lehrpfade auszutauschen. Es ging wesentlich darum, die Wegebezeichnung weitgehend zu vereinheitlichen, um dem Ortsunkundigen die Orientierung zu erleichtern; es ging insbesondere darum, das Angebot an durchgehenden Wanderwegen sowie an Natur- und Waldlehrpfaden zu erweitern.

 Nach der Vollendung des Saar-Schlesien-Weges, der jetzt ja auch durch unser Coburger Land verläuft (Anm.: hier inzwischen „Europäischer Fernwanderweg E3/E6“), stellt sich nunmehr die Primäraufgabe, den bereits angekündigten Main-Wanderweg zu markieren. Diese Aufgabe übernehmen der Fich-telgebirgsverein von der Weißmain-Quelle unterm Ochsenkopf bis Wirsberg; der Frankenwald-Verein von Wirsberg bis Burgkunstadt; Thüringerwald- und Rennsteigverein gemeinsam ab Burgkunstadt via Kordigast - Vierzehnheiligen - Staffelberg - Staffelstein - Banz - Steg-litz - Eierberge - Abtenberg - Grehberg -Baunach bis zum Kreuzberg bei Hallstadt/ Bamberg; der Haßbergverein vom Kreuzberg über das Zeiler „Käppele" und Königsberg bis Schweinfurt; der Rhönklub von Schweinfurt bis Gemünden; der Spessartbund ab Gemünden über Lohr - Wertheim - Miltenberg - Aschaffenburg bis Hanau; der Rhein-Taunus-Klub im verbleibenden Raum bis zur Mündung. Markiert werden soll mit blauem „M“ auf weißem Grund.

 Im Hinblick auf den Deutschen Wandertag 1972, der voraussichtlich in Bayreuth stattfinden wird, stellt sich eine weitere Aufgabe: Der „Albrandweg" von der Schwäbischen Alb bis zum Fränkischen Jura soll vom Staffelberg her über Schloß Banz als „Frankenweg" weitergeführt werden bis zum Saar-Schlesien-Weg im Coburger Land. Im Programm der Arbeitsgemeinschaft stehen ferner verbindende Alb-Querwege und ein durchgehender Donau-Wanderweg.

 Für planmäßige Kooperation spricht nicht zuletzt das Vorhaben, das obermainfränkische Gebiet, das bisher noch von keinem Verbandsverein betreut wird, in den Aufgabenbereich der Arbeitsgemeinschaft einzubeziehen. Dadurch wird der Rennsteigverein im Raum zwischen Bamberg - Scheßlitz - Hollfeld im Süden und der Linie Staffelstein - Weismain im Norden einen eigenen Betreuungsbereich erhalten, der an den des Fränkische-Schweiz-Vereins bzw. des Fränkischen Albvereins anschließt. Dem Thüringerwald-Verein ist Betreuungsauftrag nördlich vom Jura im Raum Lichtenfels - Weismain - Burgkunstadt bis zum Frankenwald-Grenzbereich bei Mitwitz im Osten und bis zum Haßgau entlang der Itz und der Rodach im Westen zugedacht.

Mitbestimmend für den Wert aller Wanderwege sind aufnahmegerechte Wanderheime, Schutzhütten und Aussichtstürme. Sie sind nicht nur als Wandertreffpunkte von Bedeutung, sondern auch als Schulungs- und Tagungsstätten und als Jugendgruppen-Unterkünfte. Zunehmende Bedarfs- und Komfortansprüche belasten unsere Wandervereine stark; nicht selten sind sie überfordert. Umso erfreulicher die Bitte des neuen Ministeriums um eine Bestandsaufnahme. Sie soll dem Bemühen dienen, den Vereinen, deren Beitragspfennige die Aufgabe für die Allgemeinheit auf die Dauer nicht zu bewältigen vermögen, staatliche Entlastung zu gewähren.

Interessiert informierte sich der Regierungsvertreter auch über Versicherungs- und Haftungsfragen (bessere Schutzvorsorge ist vonnöten), über die Hütten- und Ordnungsdienste, denen mehr Selbst- und Mithilfebereitschaft der Allgemeinheit zu wünschen ist, über die Pflege des Fami-lienwanderns, das die Kinder für das Wandererlebnis zu begeistern vermag, und über die Notwendigkeit, das Schulwandern wieder aufzuwerten, damit unsere Jugend die Natur- und Kulturwerte unserer Heimat besser kennen und schätzen lernt.

 Nachdrücklich wurde von allen Sprechern dafür plädiert, den Heimatkundeunterricht beizubehalten, den Lehrernachwuchs sesshaft und damit heimatverbunden zu machen und die Dauerreformer auf schulischem Gebiet verpflichtend an das Wort des Ministerpräsidenten Dr. Alfons Goppel zu erinnern: Wir brauchen in unseren Schulen Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe.

 Alle Tagungsteilnehmer gingen an ihre verantwortungsvollen Arbeitsaufträge mit dem Vorsatz, sich von niemandem in ihrem Wirken für die Heimat, in ihrer Liebe zur Heimat überbieten zu lassen.                                             W.U.