Wiedergründung0992

Aus „Das Farnkraut“ Nr. 4/1990

 

Das war wohl die bedeutsamste Veranstaltung des Thüringerwald-Vereins Coburg seit dem Deutschen Wandertag 1984. Was kurze Zeit zuvor kaum jemand zu hoffen gewagt hätte, war eingetreten: der Thüringerwald-Verein entstand neu in seinem Ursprungsland Thüringen. Der Anstoß hierzu wurde im Coburger Land gegeben, auf der Sennigshöhe!

 Vereint im Zeichen des Farnkraut

 Gründungsfeier des gesamtdeutschen Thüringerwald-Vereins am 22. September 1990 auf der Sennigshöhe

 Wollten wir das Wetter an jenem 22. September 1990 als ein Omen für die weitere Entwicklung des Thüringerwald-Vereins nehmen, die Aussichten wären schlecht. Denn die Neugründungsfeier fiel zwar nicht geradezu ins Wasser, es ging aber zwar durchaus fröhlich, aber eben vor allem auch feucht zu. Selbstverständlich war diesem Ereignis eine gewisse Zeit der Vorbereitung vorausgegangen - nicht viel, aber wer hatte denn schon in diesen Tagen und Wochen überhaupt längere Zeit, um sich gründlich vorzubereiten?

 Bei diesen vorbereitenden Gesprächen hatten wir auch kurz die Möglichkeit erörtert, daß es am 22. September regnen könnte. Doch eine greifbare Alternative zu der Feier auf der Sennigshöhe hat sich nicht ergeben. Es blieb bei der alten Weisheit, daß Wanderwetter immer ist, es kommt nur auf die richtige Bekleidung an.

 Das Wetter hatte heuer ja schon mehrfach Kapriolen geschlagen - Frühsommer im März, Spätsommer im Oktober, Juli/August ozongeschwängertes Wüstenklima... Was mag wohl der Winter bringen? Die Regenzeit jedenfalls fiel heuer in den September, es goß unaufhörlich, als könnte die Dürre vom Juli noch ausgeglichen werden.

Mit dem 22. September lagen wir nur kurze Zeit vor der staatlichen Wiedervereinigung, dem 3. Oktober. Dieser letzter Termin war durchaus noch offen gewesen, als wir uns auf den 22. September festgelegt hatten.

So gesehen war es richtig, daß unser 1. Vorsitzender Wolfgang Süße nicht, wie ursprünglich geplant, zunächst eine rechtlich unverbindliche Arbeitsgemeinschaft der Thüringerwald-Vereine ausgerufen hat. So hatte es noch in der Ankündigung im letzten „Farnkraut" gelautet. Nein, Wolfgang Süße nutzte die Stunde, um gleich den gesamtdeutschen - dieses Attribut ist nun eigentlich entbehrlich, also um den Thüringerwald-Verein auszurufen, unterstrichen durch ein dreifaches „Frisch auf!" der gesamten Versammlung.

 Damit hatte sich ein Traum erfüllt. War es überhaupt ein Traum gewesen, wäre eine solche Entwicklung nicht noch vor Jahresfrist völlig weltfremde Schwärmerei gewesen? Nein, die Wiederbegründung des größeren Thüringerwald-Vereins wurde Realität, bevor sie als Traum reifen konnte.

Um aber den Ablauf der Ereignisse des 22. September 1990 nochmals darzustellen, sei nunmehr dem Berichterstatter des „Coburger Tageblatt" vom 24. September das Wort erteilt:

In wenigen Sekunden Geschichte zu machen und einen Schlußstrich unter 45 Jahre Teilung zu ziehen - dieses Kunststück gelang den Thüringerwald-Vereinen aus beiden Teilen Deutschlands am Samstag vor der Alexan-drinenhütte auf der Sennigshöhe. „Mit einem dreifach „Frisch auf!" wurde der Thüringerwald-Verein wieder gesamtdeutsch.

  „Alten Glanz" sollte der Verein bald wieder haben, wünschte sich der Coburger Vorsitzende Wolfgang Süße und erinnerte dabei an die Blütezeit des Vereins, als er über 16000 Mitglieder in über 150 Zweigvereinen hatte. Süße zeigte sich geehrt davon, daß Coburg bis zur Generalversammlung in zwei Jahren Sitz des derzeit fast 20 Zweigvereine starken Thüringerwald-Vereins sein wird, „obwohl Coburg ja gar nicht in Thüringen liegt. Aber wir gehören ja sowieso erst seit 70 Jahren zu Bayern, und da geht das dann schon."

Hunderte von Wanderfreunden aus dem Coburger und Thüringer Land strömten hinauf zur Sennigshöhe, um bei dem „historischen Ereignis" dabei zu sein, wie viele Redner die Wiedergründung nannten. Schließlich bestand der Hauptverein seit 1945 nur noch in Gestalt des Coburger Zweigvereins.

Wolfgang Süße zeigte sich vor allem über den Besuch der stellvertretenden Vorsitzenden des Verbandes Deutscher Gebirgs- und Wandervereine, Renate Weber, sehr erfreut. Fast wäre sogar Alt-Bundespräsident Dr. Karl Carstens gekommen, der dann jedoch aus Zeitgründen absagen mußte. In einem Brief, den Süße verlas, bedauerte Carstens, daß er dem Ereignis nicht beiwohnen könne. Er teile die Freude aller und wünsche dem Verein alles Gute für die Zukunft.

 Bevor einige Grußworte gesprochen wurden, berichtete der 2. Vorsitzende des Coburger Thüringerwald-Vereins, Reiner Probst, über die Geschichte des Vereins („Tageblatt" vom 20. September) und schloß mit den Worten „Wir hatten die Hoffnung nie aufgegeben."

 Den Reigen der vielen Grußredner eröffnete der Vizepräsident des Bayerischen Landtages Siegfried Möslein. Es sei für ihn eine Ehre und Freude, „in dieser geschichtlichen Stunde an dieser geschichtlichen Stelle" zu sein. Nur wenige Tage vor der politischen Einheit Deutschlands habe der Thüringerwald-Verein seine Einheit schon wahr werden lassen.

 Der Schirmherr der Wiedergründungsveranstaltung, Coburgs Oberbürgermeister Norbert Kastner, nannte es ein „so historisches Ereignis", daß man über das „widrige Wetter" ruhig hinwegsehen könne. Besonders freue es ihn, daß sich der Thüringerwald-Verein neben dem Wandern und der Heimatpflege auch dem Umweltschutz verschrieben habe. Deshalb forderte er auch den Coburger Thüringerwald-Verein dazu auf, sich doch auch in der Naturschutzwacht zu engagieren, die in Kürze von der Stadt Coburg gegründet werde.

 Der Bundestagsabgeordnete Otto Regenspurger nannte es die „schönste Stunde des Thüringerwald-Vereins", und Coburgs Landrat Karl Zeitler zeigte sich glücklich darüber, „diesen historischen Tag erleben zu dürfen".

 „Den 3. Oktober 1990 hatten wir schon am 9. November 1989", meinte der Landrat von Ilmenau, Benno Kaufhold, und spielte damit auf das ungeheuer rasche Wiedererstehen und Vereinigen des Thüringerwald-Vereins gleich nach der Grenzöffnung an. Den „neuen, starken Thüringerwald-Verein" hieß Renate Weber im Verband Deutscher Gebirgs- und Wandervereine willkommen. 45 Jahre lang sei der Coburger Zweigverein zwar nur noch ein kleines Mitglied gewesen, doch dafür mit um so stärkerer Stimme. Die Ausrichtung des Deutschen Wandertages 1984 habe dies bewiesen. Nachdem auch der Landrat von Hildburghausen Peter Menz dem neuen Verein viel Erfolg gewünscht hatte, erzählte Herbert Helk, seit 1930 Mitglied im Thüringerwald-Verein, einige amüsante Anekdoten aus alter Zeit, und überreichte Süße ein von ihm zusammengestelltes Buch mit vielen solcher Geschichten als „Hüttenlektüre".

 Letzter Redner war Gerhard Dehmel vom Zweigverein Ilmenau, der die passenden Worte zum Abschluß fand: „Machen wir den Thüringerwald wieder zu dem was er war; dem grünen Herzen Deutschlands."

Anmerkung: im Druck war natürlich ein Schwarzweißfoto.

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