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Ausgabe Nr. 4/1964
 


Bericht über die Wimpelwanderung aus Coburg zum Ort des 65. Deutschen Wandertages, Freiburg i. Br. 1964
 

Vorbemerkung: dieser Bericht fällt relativ knapp aus. Dies liegt daran, dass redaktioneller Raum in einer Zeitschrift immer begrenzt ist, und Ungelenk musste ja auch noch den Bericht über die Busfahrt unterbringen. Und dann auch noch über das Geschehen und die Ergebnisse des jeweiligen Wandertages an sich, also losgelöst von der Coburger Beteiligung. Ungelenk nahm die Aufgabe, auch insoweit gewissenhafter Chronist zu sein, sehr ernst. Bei meinen eigenen Wandertags-Berichten standen immer unsere eigenen Erlebnisse im Vordergrund.
 

Der Urlaub unseres Lebens
 


Als Gastgeber des vorjährigen 64. Deutschen Wandertages oblag dem Thüringerwald-Verein der ehrenvolle Auftrag, den Deutschen Wandertagswimpel zum 65. Deutschen Wandertag 1964 von Coburg nach Freiburg i. Br. zu tragen.

Die 21-Tage-Wanderung führte über folgende Strecke von insgesamt rund 600 km: Coburg — Schloss Hohenstein — Ebern —  Schloss Lußberg — Eltmann — Steigerwald — Kloster Ebrach — Markt Bibart — Limpurger Forst —  Uffenheim — Wildbad — Luginsland — Rothenburg o. d. T. — Langenburg (Hohenloher Land) — Schloss Morstein — Schwäbisch-Hall — Waldhausen/ Remstal — Wasserberg — Burg Teck  — Urach — Reutlingen — Roßberg — Raichberg — Baiingen — Gosheim —  Dreifaltigkeitsberg —  Hoher Karpfen
—  Trossingen — Fohrenbühl — Brend — Furtwangen — Kandel — Freiburg.

Der Deutsche Wandertagswimpel, der 1950 in  Königsstein  im  Taunus geschaffen wurde und seit nunmehr 14 Jahren unterwegs ist, hat damit insgesamt 6 500 km zurückgelegt. Die  Wandertags-Stationen der bisherigen  Wimpelwanderungen waren: Iserlohn (1951), Bad Berneck (1952), Neustadt/Weinstraße (1953),    Goslar   (1954),  Passau   (1955), Aachen (1956), Wiesbaden (1957), Fulda (1958), Bernkastei (1959), Göppingen (1960), Lohr am Main (1961), Osnabrück (1962), Coburg (1963) Freiburg (1964)

Der Coburger Wandergruppe, die vom Vorsitzenden des Thüringerwald-Vereins, Franz Geßlein (von Beruf Prokurist) geführt wurde, gehörten an die Vorstandsmitglieder Wanderwart Klaus Ehrlicher (Rechtsanwalt), Hüttenwart Hilmar Mandler (Lehrlingsausbilder) und Wegemeister Siegfried Meyer (Schreinermeister) mit Ehefrau Ursula sowie die Mitglieder Herbert Döbrich (Technischer Angestellter) mit Sohn Harald (Schüler), August Dötsch (Ofensetzermeister), Siegfried Fischer (Abiturient), Brigitte Kopsch (Kaufmännische Angestellte), Johanna Mnich (Telefonistin), Hildegard Politzer (Apothekerin), Walter Renner (Zimmermann), Otto
Treuter (Postbeamter), Gisela Völk (Verkäuferin), Günther Wöhner (Student)- sie alle sprechen im Rückblick auf ihre Wimpelwanderung von einem „einmaligen und unvergesslichen Erlebnis", dessen Eindrücke ein Mitglied der Gruppe nachstehend widergibt.

Vom Thüringerwald her, aus der grünen Mitte Deutschlands heraus also die gesegneten süddeutschen Landschaften Frankens, der Schwäbischen Alb und des Schwarzwaldes bis hin zur Südwestecke unseres an Schönheiten so reichen Heimatlandes auf Schusters Rappen durchstreifen — das ist fürwahr ein beeindruckendes Unternehmen. Nur der kann es belächeln, dem das Wandern unbequem ist und der es deshalb als “altmodisch" abtut. Wir hingegen haben es als den Urlaub unseres Lebens empfunden, uns einmal drei Wochen lang ganz auf unsere Füße, unseren Orientierungssinn und das zielsichere Auge des Wanderers zu verlassen.

So begeistert, wie wir am 14. August ausgezogen sind aus der uns vertrauten engeren Heimat zwischen Itz und Main, zogen wir wenig später ein in den Steigerwald mit seinen ausgedehnten Buchenwäldern, die den üppigen Laubwaldungen des Spessart kaum nachstehen. Gewiss, sie forderten uns manchen Schweißtropfen ab. so beispielsweise beim Aufstieg zum Därr-turm oder zum Hohen Landsberg; aber stets belohnten herrliche Ausblicke die Mühe — hier auf Kitzingen am Maindreieck und auf den Schwanberg, einen Eckpfeiler gleichsam des natürlichen Bergwalles Steigerwald.
Ein weiterer Höhepunkt in diesem ersten Drittel unserer Wanderung: Rothenburg o. d. T. Wie erwartungsvoll strebten wir dem kulturhistorischen Kleinod der „Romantischen Straße" entgegen; umso gespannter, je weniger die üppigen Wälder zwischen Wildbad, Schloßberg und Luginsland den Durchblick freigaben. Dann aber lag sie plötzlich vor uns — die deutsche Stadt mittelalterlicher Romantik, von der wir unterwegs viel gehört und gesprochen, die mancher von uns noch nicht kannte. Ihr Anblick ließ uns alle einen Moment lang verstummen. Dieses Rothenburg, Requisit vergangener Jahrhunderte, hielt uns einen weiteren Tag in seinem Bann. Bald danach umfing uns der Zauber der Schwäbischen Alb. Die „Rauhe Alb" nennen sie die Einheimischen. Nun, wir haben sie von dieser Seite — dem Wettergott sei Dank — nur kurz kennengelernt, eingehüllt in nasse Nebelschwaden und vom Regen gepeitscht. Dafür umso gründlicher ihre liebenswertere Seite, von einem Himmel überstrahlt, der es manchmal sogar zu gut meinte. Das Wandern machte Spaß. Unser Weg führte fast immer am Albrand entlang. Wenige Schritte vom Pfad entfernt gähnte der Steilabfall, nach Süden hin breitete sich, kaum merklich absinkend, schier endlose Hochebene aus. Überwältigend die Ausblicke — nicht nur bei Tage. Nie werden wir das flimmernde Lichtermeer des nächtlichen Filstales zu Füßen des Wasserberges vergessen.

Eine weitere unauslöschliche Erinnerung: Weite schwarze Tannenwälder — ihr herber, würziger Harzgeruch wirkt fast noch nach — decken hochaufragende Bergkuppen, senken sich hinab in tief eingeschnittene Täler und schützen hohe alte Bauernhäuser unter weit überstehenden Dächern: Der Schwarzwald, das letzte der Mittelgebirge, die wir durchwanderten. Schon begannen wir die Tage zu zählen, die wir noch beisammen sein konnten, und wir dachten dabei rückblickend nicht nur an die Landschaften, die wir gemeinsam durchzogen hatten. Wir erinnerten uns dankbar auch, der Menschen, denen wir begegnet waren, der Familien, die uns beherbergt und bewirtet hatten.

Dank besonders den Schwaben und den „Fränkischen Schwaben" für ihre Freundschaft. Wir haben sie in unser Herz geschlossen. Der Wanderer gilt ihnen viel, und das hat uns ihre so selbstverständliche Gastlichkeit und Hilfsbereitschaft besonders wertvoll gemacht. Mit gleicher Dankbarkeit erinnern wir uns der Freunde des Schwarzwaldvereins. Sie handeln mentalitätsbedingt nicht so impulsiv wie die Menschen der Alb, aber wie sie uns begegneten, was sie aufboten, um uns zu betreuen, es war nicht weniger gut gemeint, nicht minder tief empfunden.

Und dann die Anteilnahme der Daheimgebliebenen und der „Nachzügler" des Thüringerwald-Vereins an unserem Unternehmen. Es bedeutet viel bei einer solchen Wanderung, wöchentlich mit „Nachschub" vor allem an frischer Wäsche versorgt zu werden und den Kontakt mit Zuhause durch Briefe, Telefonate und durch heimatliche Gaben zu halten. Allen Spendern, allen Freunden, die sich so um uns kümmerten, sei auch an dieser Stelle unser aller Dank bekundet.

Ein paar Worte auch über unsere 16köpfige Wandergemeinschaft. Natürlich mußte sich die Gruppe erst ganz und gar kennenlernen und für die vierwöchige Gemeinsamkeit aufeinander abstimmen. Das bedingten schon die Altersunterschiede zwischen 15 und 53 Jahren. Aber es erwies sich wieder einmal, dass das für Wanderer keine unlösbaren Probleme sind. Schon gar nicht, wenn das wichtigste Requisit ihres Gepäcks ein fröhliches Herz ist, wenn alle dem Humor aufgeschlossen sind und wenn jeder sein Teil zur guten Stimmung beiträgt. Ganz am Anfang war einmal vom „Zusammenraufen" die Rede, aber wer zu solchem Zweck auf einen „ordentlichen Ärger" aus war, der bemühte sich vergeblich. Nach dem „kritischen vierten Tag" kam der Gedanke an die Möglichkeit eines Krachs schon gar nicht mehr auf. Jeder war für den ändern da, wie es unerlässlich ist für Menschen, die so lange Zeit aufeinander angewiesen sind.

Für alle da aber war vor allem Wanderführer Franz und mit ihm Wanderwart Klaus. Es will schon etwas heißen, sich mit der Verantwortung für ein solches Unternehmen und die daran Beteiligten in zum Teil völlig unbekannter Gegend zielsicher zurechtfinden und auch die organisatorischen Pflichten fest in der Hand zu haben, die nun einmal dazu gehören. Als „Medizinmänner des Humors" bewährten sich vor allem Klaus und Otto, in der Abwehr aufkommender Ermüdungserscheinungen ganz besonders. Nicht minder unauslöschlich haften im Gedächtnis aller Wimpelwanderer Ottos Geburtstagsfeier, Augusts pianistische Kostproben von Chopin bis zum Radetzky-Marsch (und auch seine so köstlich falsch erzählten Witze), die Kämpfe, die wir gegen überfallfreudige Wespen zu bestehen hatten und die Behandlung ihrer Folgen durch unsere beiden Arzthelfer, Hildegards hohe Massagekunst und — ja, man könnte über solche und ähnliche Randerscheinungen der Wimpelwanderung erzählen, erzählen und noch mal erzählen.

Nur das noch: Es gab auch Dinge, die nicht immer angenehm, weil als lästig zu empfinden waren, als da sind Fernsehen, Rundfunk, Presseinterviews — zumal wenn die Reporter in Scharen aufkreuzten. Wir haben all das mit Würde bestanden — und im Bewußtsein unseres für die Wandersache werbenden Auftrages. Klappern gehört wohl auch zu solchem „Handwerk". Die Einmaligkeit unseres Erlebnisses bleibt davon unberührt — auch von jener fragwürdigen Beurteilung, die der Freiburger Wandertag in der Zeitschrift „Christ und Welt" gefunden hat. Sie fällt auf den zurück, der zu solchem Urteil nicht berufen war, weil er zeitlebens offenbar noch niemals richtig gewandert ist. Andernfalls müsste er sich schämen. Um mit Klaus zu sprechen: „Kein Mensch begreift, was Wandern heißt, der es nicht selbst aus Freude und Begeisterung schon einmal getan hat!"

Wir aber, wir sind wahrhaft begeistert gewandert, wir waren der Natur aufs engste verbunden, der Gedanke an eine „sportliche Leistung" lag uns ferner denn je, umso näher das Bewußtsein, um unserer herrlichen Wandersache willen einen ehrenvollen Auftrag erfüllen zu dürfen. Nun, da wir ihn vollzogen und den Wandertagswimpel zum Ziel gebracht haben, wissen wir so recht um die Tiefe der beiden Worte des Freiburger Oberbürgermeisters Dr. Keidel :

„Keine Institution der Hygiene kann auch nur annähernd ersetzen, was die Natur uns gibt!" — Und: „Die Coburger Wanderschar hat im Vollzug ihres Wimpelauftrags für ihren Weg nach Freiburg die schönste Brücke benutzt — die Natur und das Wandern!"                              Siegfried
 

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