Aus „Das Farnkraut“ Nr. 2/1970
 

Erlebnisreiche Pfingstwanderung entlang der Zonengrenze
 

Die beschriebene Landschaft lernte ich um diese Zeit kennen, und zwar im Außendienst. Gerne nahm ich Gebrauch von der Möglichkeit, am Dienstort einige Tage zu übernachten, z. B. in Ludwigsstadt, Lauenstein, Kleintettau, Tettau oder auch Nordhalben. In der hellen Jahreszeit bot sich die Möglichkeit, die Umgebung etwas zu erkunden. Heute fällt es durchaus etwas schwer, sich in die damalige Zeit zurückzuversetzen. Ich habe u.a. eine Wanderkarte aus der damaligen Zeit mit herangezogen. Einiges an Bildmaterial siehe über den “internen link” Frankenwald

17./18. Mai. - Bei idealem Pflngstwetter wanderte der Thüringerwald-Verein mit Blick über die Willkürgrenze nach Thüringen von Lauenstein bis Mitwitz. Die Hoffnung, einmal wieder Höhen des Thüringer Waldes ersteigen und seine Täler durchstreifen zu können, zog mit, als Uli Streng und seine 20 Mitwanderer im Loquitztal dem Bus entstiegen, um bei Nieselregen Burg Lauenstein (sie wird noch restauriert) und danach die Thüringer Warte aufzusuchen. Dichte Nebelschwaden trübten die Sicht vom windigen Ratzenberg. Darum alsbaldiger Abstieg nach Ebersdorf
bei Ludwigsstadt. Zur Rast gesellte sich hier ein Bus des Schwarzwaldvereins Karlsruhe, der vom Rennsteig her im Anmarsch war. Dem Scheibenwischer wurden schriftliche Grüße anvertraut, ehe man über den Rennsteig nach Kleintettau zum unveränderten „Zonengrenz-Kuriosum Nr. l"   und dann zum Mittagsziel Tettau weiterwanderte. Über die gesalzenen Preise für versalzenen Sauerbraten tröstete üppiger Sonnenschein hinweg, als die Wanderung durch saftig-grüne Wiesen nach Sattelgrund fortgesetzt und von dort aus der Wolfsberg erklommen wurde. Nach kurzer Rast Abstieg ins Tagesziel, das schmucke Walddorf Schauberg. Besondere Aufmerksamkeit galt hier einem weiteren Kuriosum der widernatürlichen Grenze: Brücke und Straßenstück mitten im Ort mußten gegen eine Kalkbrennerei ausgetauscht werden . Als verfügbare Privatquartiere verlost wurden, fehlte der vom Pfingstausflug noch nicht heimgekehrte Quartiergeber für zwei Wanderer. Sie warteten noch auf die Betten, als die Uhr schon den neuen Tag ankündigte; offenbar nicht ungern: Eines Coburgers lustige „Schnurren" und sein „Streitgespräch" mit einem Urberliner  sollen Gäste samt Wirtsehepaar geradezu „gefesselt" haben. — Die dennoch wohlausgeruhte Wanderschar nahm anderntags gleich hinter Schauberg sonnendurchfluteter Laubwald auf, durch den sie am Queraberg entlang nach Friedersdorf und von dort um den Pressiger Berg herum zur Zonengrenze gegenüber der thüringischen Gemeinde Heinersdorf gelangte . Diesseits läuteten Feiertagsglocken — jenseits ratterten Traktoren und arbeiteten Menschen auf den Feldern, die Wanderer ohne Reaktion wahrnehmend. Auch ein nachdenklich stimmendes Grenzerlebnis inmitten der Heimat! Nach bequemem Aufstieg zum Traindorfer Berg war das Mittagsziel Waldhaus Traindorf zugleich Ausgangspunkt für das Wanderfinale durch ehemaliges Stockheimer Grubengebiet  nach Burggrub. Hier animierte Blasmusik zum Schützenfestbesuch. Als berucksackter Kinderkarussell-Motorradfahrer zog „Otto der Unverwüstliche" seinerseits eine vielbelachte Schau ab. Die übrigen verstaubten Fußwanderer wurden von dem festlich gekleideten Publikum (meist Superwagen-Besitzer) nur belächelt. Nachdem der nahe Grenzvorsprung  unter Hubschrauber-Beobachtung in Schützenkette umgangen war, erfolgte Steilanstieg zur Ludwigshöhe — eine Sauna-Schwitzkur. Daß hier auf einer Wiese der Taschentuchbehältcr mit 3,— DM Inhalt wiedergefunden wurde, den Elke Streng bei der Vorwanderung verloren hatte, spricht für die Präzision von Vorbereitung und Durchführung der Wanderung, die auf der Schlußetappe via Bächlein — Mitwitz in einen wahren Pfingstrummel mündete.                                                HeDö
 

Erläuterungen: “Zonengrenz-Kuriosum Nr. 1 in Kleintettau”: Gemeint war vermutlich die gerade hier recht bizarr verlaufende Grenze. Hier gehörte ein ganz schmaler Streifen zur DDR, war wie üblich befestigt, aber kaum von irgend einem Nutzen.
 Schauberg liegt im Tettautal, der Bachlauf bildet die Grenze zwischen Bayern und Thüringen. Nur eine kurze Strecke abwärts allerdings schneidet die Grenze das Tal, heute kaum noch wahrnehmbar, damals allerdings natürlich ein absolutes Hindernis. Mit abgeschnitten war die kleine Fahrstraße sowie eine eingleisige Bahnlinie von Pressig-Rothenkirchen nach Tettau. Abgeschnitten waren damit auch die Industriebetriebe im Raum Tettau. Hier gab es eine Abhilfe ganz besonderer Art. Man kennt den “Huckepackbetrieb”, in dem LKW’s auf die Bahn verladen werden. Es geht auch umgekehrt, dank der Erfindung von Hans Culemeyer (1883 - 1951). Er entwickelte Spezialfahrzeuge, die einen Güterzugwaggon komplett aufladen und transportieren konnten. Diese Fahrzeuge verkehrten von 1951 - 1996 zwischen Steinbach a. W. - Bahnhof und Tettau. Viele haben sie noch auf der Straße gesehen. Heute ist die Strecke zwischen Heinersdorf und Schauberg bei Fuß- und Radwanderern sehr beliebt, landschaftlich überaus reizvoll.
 “Urberliner in Schauberg”:  Damals machten viele Westberliner Urlaub im Frankenwald oder hatten sogar dort Zweit- bzw. Ferienwohnungen
  “Heinersdorf”: Damals noch ohne die Mauer!

“Waldhaus Traindorf”: Zu dieser Zeit bei den Einheimischen beliebtes Einkehrziel, heute anscheinend nicht mehr vorhanden, im amtl. Ortsplan als “abgebrochen” eingetragen!
  “Stockheim”: Was heute kaum noch bekannt ist: in Stockheim (Ofr) wurde ab dem 16. Jhdt. bis 1968 Steinkohle gefördert. Heute erinnert noch das Gemeindewappen daran. Den Förderturm konnte man anfangs der 70er Jahre noch sehen.
  “Grenzvorsprung” Gemeint ist vermutlich der Abschnitt ab Mostholz. Dort war buchstäblich der westliche (!) Straßenrand die Zonengrenze. Wenn die Wandergruppe den Weg über die Ludwigshöhe wählte, nahmen sie einen Umweg in Kauf. Der kürzeste Weg nach Mitwitz wäre entgegengesetzt gewesen. Insgesamt legten sie auf dieser 2-Tages-Tour rd. 50 km zurück.